„acatech ist eine nationale Akademie mit internationalem Rang“, sagt Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Sie und andere in der Bundesregierung lassen sich gerne von ihr beraten. Doch es müssen erst Kinder demonstrieren und die Schule schwänzen, damit Dinge umgesetzt werden, die Experten schon lange vorschlagen. Wie sehr schmerzt das Wissenschaftler? Die NEUE DISTANZ sprach darüber mit Dr. Thomas Lange, Leiter Themenschwerpunkt Volkswirtschaft, Bildung und Arbeit.

Herr Dr. Lange, Sie arbeiten für „acatech“, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. acatech berät die Bundesregierung. Das Spektrum an Themen ist sicher immens breit. Dennoch redet man im öffentlichen Raum nur noch vom Klimaschutz. Schmerzt Sie das?

Klimaschutz ist ein wichtiges Thema. Dass es eine breite Debatte dazu gibt, finde ich erst einmal gut. Dass der Hype andere Themen zeitweise etwas überlagert, ist normal. Wir Menschen haben nun mal einen „finite pool of worry“: Wir können uns nicht um alle Probleme gleichzeitig kümmern. Interessanter ist vielleicht die Frage, ob der öffentliche Hype einer rationalen Auseinandersetzung mit der komplexen Thematik eher nutzt oder schadet. Laien haben in der Regel weder Zeit noch Lust, tief in politische Fachdiskussionen einzusteigen. Der individuelle Aufwand einer differenzierten Informationsbeschaffung und -verarbeitung lohnt sich einfach nicht. Experten sprechen in dem Zusammenhang von rationaler Ignoranz. Hier kommen Interessengruppen ins Spiel, zum Beispiel NGOs oder bestimmte Verbände. Sie versorgen die Öffentlichkeit mit leicht verdaubaren, dafür aber in ihrem Sinne verzerrten Informationen. Sie nutzen zudem vor allem moralische Appelle, um die Bevölkerung zu erreichen – und zu mobilisieren. Wissenschaftler finden mit Sachargumenten und fachlichen Details weniger Gehör. 

Welche Auswirkungen hat das politisch?

Im günstigsten Fall verschaffen Interessengruppen drängenden gesellschaftlichen Problemen Sichtbarkeit und lösen eine zielorientierte Debatte aus. Nehmen Sie die Fridays for Future-Bewegung. Sie hat ein Gelegenheitsfenster aufgestoßen: Wir reden in Deutschland jetzt erstmals ernsthaft über einen sektorübergreifenden CO2-Preis als wichtigstes Klimaschutzinstrument. Fachexperten empfehlen das schon lange. Die nationalen Wissenschaftsakademien oder der Sachverständigenrat für Wirtschaft zum Beispiel haben detaillierte Gutachten vorgelegt. Diese wissenschaftliche Expertise findet nun auch deutlich mehr Gehör im politischen Raum. Der Hype birgt aber auch eine Gefahr. Stark moralisierende und emotionalisierende Kampagnen von Interessengruppen können den gesellschaftlichen Diskurs ersticken – selbst, wenn alle Beteiligten nur das Beste wollten. Skandalisierung, Empörung und Kommunikation im Freund-Feind-Schema gehen immer zulasten der Rationalität einer Debatte. Das schadet dann auch der Qualität politischer Entscheidungen. Der Wirtschaftsethiker Ingo Pies hat das mit einem Kollegen zusammen am Beispiel der Glyphosatdebatte einmal sehr eindrucksvoll beschrieben. 

So verlockend es auch ist, sich nur um den aktuellen Megatrend zu kümmern. Es ist Aufgabe einer Bundesregierung, sich allen notwendigen Fragen zu widmen. Stichwort „Transformation“. Neue Technologien führen zu neuen Möglichkeiten und neuen Herausforderungen. Was tut die Bundesregierung hier?

Es passiert gerade eine ganze Menge. Abgesehen von einer Energiewende steht uns ja auch eine Mobilitätswende bevor. Die Bundesregierung hat dazu die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität ins Leben gerufen, die alle wichtigen Verkehrsträger einschließt. Ein weiteres Megathema ist die digitale Transformation. Wir haben uns in Deutschland hier sehr früh um einen engen Schulterschluss von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik bemüht. Das zeigen die gemeinsam entwickelten Visionen und Strategien für Industrie 4.0, Smart Service Welt und Künstliche Intelligenz. Die Umsetzung ist dagegen kein Selbstläufer. Die Regierung hat außerdem erkannt, welche zentrale Rolle eine zeitgemäße Aus- und Weiterbildung für all diese Themen spielt. Die Nationale Weiterbildungsstrategie, der Digitalpakt Schule oder das Aktionsprogramm des Bundes zur Förderung der Bildung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) sind Schritte in die richtige Richtung. Ein anderes Thema ist die Frage, wie wir die Wachstumspotentiale vielversprechender Hightech-Startups in Deutschland besser fördern können. Fehlendes Wachstumskapital ist ja schon eine chronische Schwäche des deutschen Innovationssystems. Wir haben kürzlich einige Vorschläge gemacht, wie man das Ökosystem für Wachstumsfinanzierung hierzulande stärken könnte. Ich bin guter Dinge, dass wir aus dem Bundeswirtschaftsministerium dazu demnächst etwas hören werden. Interessant wird auch sein, wie sich die neu gegründete Agentur für Sprunginnovationen entwickelt. Sie soll bahnbrechenden Innovationen den Weg bereiten. Die Gründung geht unter anderem auf einen Impuls von acatech zurück. 

Doch ohne „zündenden Funken“ wird das „Window of opportunity“ wohl noch nicht aufgestoßen, oder? Die Menschen schauen nicht gerade begeistert in die Zukunft, wenn es zum Beispiel um Digitalisierung geht.

Ja, die ganz große Begeisterung für Innovation sehen wir in der Tat nicht. Was die Digitalisierung betrifft, erwarten immerhin etwas mehr als die Hälfte der Deutschen einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft und auf die eigene Lebensqualität. Damit liegen wir allerdings unter dem europäischen Durchschnitt. Über 80 Prozent der Deutschen erwarten aber einen positiven Einfluss auf die Wirtschaft. Hinzukommt, dass die Nebenwirkungen technologischer Entwicklungen in der Regel größere mediale Aufmerksamkeit erhalten, als die Chancen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Öffentlichkeit den Einfluss Künstlicher Intelligenz auf unsere Arbeitswelt vor allem unter dem Vorzeichen möglicher Jobverluste durch Automatisierung diskutiert. Was mir im Moment aber fast noch größere Sorgen macht, ist das schwindende Vertrauen in unsere Marktwirtschaft. Langfristig gefährdet das unsere Innovations- und Zukunftsfähigkeit. Die Eliten aus Wirtschaft und Wissenschaft müssten viel offensiver auf allen öffentlichen Bühnen für das Thema kämpfen. Wir haben zusammen mit dem Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph M. Schmidt, und Karl Homann, dem Begründer der Wirtschaftsethik in Deutschland, kürzlich einen Appell dazu veröffentlicht. Die Akzeptanz von Innovation und neuen Technologien und die Akzeptanz der Marktwirtschaft sind zwei Seiten einer Medaille. Für beide werden wir uns auch bei acatech weiter einsetzen. 

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