Professor Andreas Oehler ist u.a. Direktor der Forschungsstelle Verbraucherfinanzen und Verbraucherbildung. Er gehörte zu den ersten Wirtschaftswissenschaftlern im deutschsprachigen Raum, die sich intensiv mit institutionenökonomischen und verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen bei Finanzierung und Finanzmärkten beschäftigte. Die NEUE DISTANZ sprach mit ihm über Disruption und Wirkmacht von nicht demokratisch legitimierten NGOs.

Herr Professor Oehler, die Deutsche Bank streicht das Investmentbanking aus ihrem Portfolio. Ist das ein Zeichen für eine groß angelegte Transformation in einem sich rasant ändernden Marktumfeld?
Eher nein. Dieses Institut und andere hatten mit dem Investmentbanking schon seit vielen Jahren eine offene Baustelle. Eine Geschäftssparte, die hoch spekulativ ist, kaum volkswirtschaftlichen Nutzen stiftet, im Zweifel von den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern subventioniert und nicht von den Eigentümern mit ökonomisch ausreichend Eigenkapital ausgestattet wird sowie oft unter einer gewissen Hybris stand. Es wurde eine Menge Geld investiert, insbesondere in die Bonuszahlungen. Es ist wohl weniger wirkliche Einsicht gereift, als der wirtschaftliche Zwang entstanden, das Geschäftsmodell nicht effizient betreiben zu können.

Also keine weitreichende, strategische Entscheidung?
Auffällig viele Managemententscheidungen in dieser und anderen Branchen, aber auch in der Politik, sind in meiner Wahrnehmung eher von geringer strategischer Weitsicht geprägt und verharren eher im Bestand. Die so genannten „professionellen Entscheider“ funktionieren eben nicht so, wie in der neoklassischen Theorie. Es gibt ein mitunter erhebliches „time gap“ bei ökonomischen Entscheidungen. Zunächst müssten Veränderungen erst einmal frühzeitig wahrgenommen werden. Da scheitert es schon bei vielen. Dann finden Entscheidungen heute in der Regel in Gruppen statt, was zu Verantwortungsverlagerungen und weiteren Verzögerungen führt und dann bräuchte man noch Mut zur Veränderung. Spätestens hier hakt es dann.

Auch auf den sich schnell drehenden Finanzmärkten?
Gerade auch dort. Schnelligkeit ist ja nur bedingt ein Ausdruck von Qualität. Es wird medienwirksam die angebliche Disruption durch Digitalisierung transportiert, die Digitalisierung im Finanzbereich hat aber schon in den 1980er Jahren eingesetzt. Ironischer Weise war Deutschland beim digitalen Banking mal führend, ist aber stehen geblieben. Die Deutschen zahlen schon sehr lange vor allem unbar, also digital und das schon seit Jahrzehnten. Der Großteil des Zahlungsverkehrs wird durch Bankeinzug, Überweisungen, etc. geregelt. Die Barzahlung, die vor allem im Einzelhandel stattfindet, umfasst weniger als ein Prozent der Transaktionen und nur ca. zehn Prozent des gesamten Zahlungsverkehrsvolumens. Über einen solchen marginalen Punkt der Wertkette wird aber immer wieder heftig diskutiert und die Weiterentwicklung guter digitaler Services dabei verschlafen.

Sind radikale Wechsel in den Geschäftsmodellen also gar nicht nötig?
Der ganze Hype um FinTech-Modelle wäre nicht notwendig, wenn Veränderungen rechtzeitig wahrgenommen und kontinuierlich umgesetzt würden. Vieles wird da übertrieben angegangen, verbunden mit klaren Nachteilen. Die neuen Modelle vernachlässigen dann unter anderem massiv den Verbraucherschutz, den Datenschutz sowie Transparenzgebote. Warum wird eine Regulierung „light“, wie zum Beispiel beim Crowdinvesting, an nicht-professionellen Kundinnen und Kunden ausprobiert?

Es wäre die Aufgabe der Politik, hier steuernd einzugreifen….
… wenn sich nicht anbieterseitige Interessengruppen am Rande oder außerhalb demokratisch legitimierter Prozesse oft durchsetzen würden.

Wie meinen Sie das?
Neben den demokratisch legitimierten Institutionen der Legislative, der Exekutive und der Judikative sind Organisationen (NGOs) aktiv, die ausschließlich ihre eigenen (ökonomischen) Interessen umsetzen möchten. Das Anliegen selbst ist in einer sozialen Marktwirtschaft grundsätzlich gerechtfertigt. Nur besteht hinsichtlich der Struktur (Personen, Finanzen, etc.) und der Einflussnahme dieser Interessengruppen keine Transparenz und Kontrolle. Beim interessengeleiteten Handeln interessiert nur das Ergebnis, das eigene Interesse am Ende durchgesetzt zu haben. Es gibt dabei allerdings wesentliche Unterschiede, zum Beispiel, ob ich anbieterseitige NGOs der Bereiche Pharma/Gesundheit oder Versicherungen/Banken anschaue, oder aber den Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) oder Greenpeace. Viele NGOs behaupten selbst von sich gar nicht, dass sie neutral oder unabhängig seien. Oft werden sie aber so dargestellt und damit in der Öffentlichkeit so wahrgenommen. Sie erhalten direkt oder über die öffentliche Wahrnehmung Gewicht in der politischen Debatte und hinterlassen Eindruck bei Politikerinnen und Politikern ebenso wie bei Bürgerinnen und Bürgern und beeinflussen damit politische Entscheidungen. Das ist zum Beispiel besonders relevant im Pharma-/Gesundheits- oder Finanz-/Versicherungs- sowie Energiebereich.

Können Sie diese Zusammenhänge erläutern?
Gesundheit und Finanzen betreffen existentielle Bereiche jeder und jedes Einzelnen und des Gemeinwesens. Beide Bereiche sind darüber hinaus wechselseitig verbunden, sowohl einzelne Personen betreffend (finanzielles und gesundheitliches well-being), als auch in der Gesamstruktur (Finanzierung des Gesundheitswesens und finanziell gesunde Staatsfinanzen). Gerade anbieterseitige NGOs (Pharma, Versicherungen) scheinen mit wenig oder ohne Transparenz wirkmächtig zu sein hinsichtlich politischer Willensbildung (Arzneimittelpreise und -verordnungen, Anzahl OPs, wenig Forschung bei Erkrankungen, die wenige betreffen, etc.) und öffentlicher Meinungsbildung. Wenn man unterstellt, dass Anbieter-NGOs wirkmächtig agieren, – sonst würde dort ja wohl kaum so viel investiert? – dann fehlt die effiziente demokratische Kontrolle des Einflusses. Ein gutes Beispiel der Einflussmöglichkeiten zeigte sich anlässlich der Versicherungsreform 2014. Jenseits der Frage, wann eine kapitalbildende Lebensversicherung überhaupt als Regelprodukt für nicht-professionelle Kundinnen und Kunden geeignet sein kann (zwei Wetten, auf das eigene Leben und auf die Zinsentwicklung über 15 bis 30 Jahre!), erlaubt die Reform unter Federführung der damaligen Versicherungsaufsicht und des damaligen Finanzministeriums bis heute, dass die notleidenden Geschäftsmodelle der Versicherer nicht etwa durch deren Eigentümer und Manager, sondern vor allem durch die eigenen Kundinnen und Kunden aufgefangen werden. Die Versicherten versichern in diesem Sinne ihre Versicherer. Oder auch aus der aktuell gehypten FinTech-Szene, hier am Beispiel des Crowdinvesting: Verschiedene empirische Analysen zur Anlegerinformation haben gezeigt, dass unter anderem die bestehenden Informationen im Bereich des Crowdinvesting keine gute Verbraucherinformation darstellen. Einerseits fehlen für Verbraucherinnen und Verbraucher relevante Informationen zu den Risiken und Chancen der Crowdinvesting-Produkte, andererseits erzeugen sie bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern trotz des Mangels an Information die Illusion, gut über das Produkt informiert zu sein. Warum werden nicht-professionellen Investoren bei Anlageprodukten mindestens drei verschiedene Regulierungsarten zugemutet (weiß, grau/“light“ und schwarz), die sie kaum unterscheiden können und dann auch noch bis zu zehn verschiedene Informationsblätter, die nicht vergleichbar sind?

Warum wird gegen die ökonomische Vernunft gehandelt?
Das sollten sich viele Entscheider im Bundestag, in der Bundesregierung oder auch in einzelnen Bundesländern fragen. Man gewinnt des öfteren, zum Beispiel in Anhörungen, den Eindruck, es wird sehr fernab der Bürgerinnen und Bürger verhandelt. Ein für Verbraucherpolitik zuständiges Mitglied des letzten Bundestages hat mir zum Beispiel berichtet, sie/er wüsste gar nicht, welche Probleme es denn mit der Verbraucherinformation bei Anlageprodukten gäbe, denn er/sie wüsste ja, wo und wen sie gut fragen könne. Ein „Beratungs“-Netzwerk einer/eines Bundestagsabgeordneten dürfte wohl kaum vergleichbar sein den bescheidenen Möglichkeiten vieler nicht-professioneller Anleger. Bei den Verbraucherzentralen gibt es ca. 120 Vollzeit-Finanzberaterinnen und -Finanzberater – für mehr als 40 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Zahl der Vertriebsmitarbeiter und Finanzvermittler sowie der Finanzlobbyisten ist um ein mehrere Tausendfaches höher. Scheinbar möchte man zum Teil gar nicht so viel Konkretes an Problemen zur Altersvorsorge wissen? Warum gibt es beispielsweise nun schon seit fünfzehn Jahren das gravierende Problem der doppelten (vollen) Krankenkassenbeiträge für die angeblich doch so wichtigen Betriebsrenten? Warum haben bis heute vor allem Unternehmen und Versicherungen vom Vorsorgemodell der Entgeltumwandlung profitiert, zu Lasten der solidarischen gesetzlichen Rentenversicherung und der Versicherten?

Herr Professor Oehler, vielen Dank für das Gespräch! Wir werden diese Diskussion gerne mit Ihnen und weiteren Expert*innen weiter führen.